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Victoria Ashcombe Books
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LESEPROBE

Tauche ein in die Welt der Wächterin

Öffne die Pforten zu einer Welt, in der die Grenzen zwischen Sage und Wirklichkeit verschwimmen. Wir laden dich ein, den Prolog und die ersten vier Kapitel von

'Der Ruf der uralten Wächterin' zu erkunden.

Begleite Victoria auf ihrem ersten, schicksalhaften Schritt in die mysteriösen Wälder des Hohen Meißners und entdecke, was wirklich unter der Oberfläche des stillen Teiches wartet.

Prolog
DIE WÄCHTERIN

A

m Anfang war der Teich heilig gewesen.
Nicht, weil Menschen es so beschlossen hatten, sondern weil sie es gespürt hatten. Weil das schwarze Wasser etwas in sich trug, das sich nicht erklären ließ und das man deshalb ehrte. Die Ersten, die kamen, hatten keine Namen für das, was sie spürten. Sie knieten am Ufer und legten ihre Hände ins Wasser und gingen wieder und sagten nichts – denn manche Dinge werden kleiner, wenn man sie ausspricht.
Dann kamen die Römer. Sie hatten Namen für alles und warfen Münzen – als hätte das Wasser Taschen, als ließe sich eine Göttin kaufen. Aber sie kamen. Das zählte. Ihre Münzen lagen noch immer auf dem Grund, zwei Jahrtausende tief, begraben unter Schlamm und Stille.
Die Germanen kamen mit ihren eigenen Namen und denselben Gefühlen. Sie nannten sie Hulda – die Gnädige, die Verborgene, die Hüterin. Hulda, die das Wetter webte und die Jahreszeiten hütete und über die Übergänge zwischen Leben und Tod wachte. Hulda, die man fürchtete und verehrte und nie ganz verstand. Das war richtig so. Manche Dinge sollte man nicht ganz verstehen.
Dann kamen die Christen, die das Heilige nicht vernichten, sondern umschreiben wollten – die aus Hulda eine freundliche alte Frau machten, die Betten schüttelte, wenn es schneite. Kleiner. Harmloser. Beherrschbarer. Der alte Name verschwand langsam aus den Mündern der Menschen wie Rauch, der sich auflöst. Was blieb war weicher, zahmer, ohne Zähne.
Frau Holle, nannten sie sie jetzt.
An den neuen Namen hatte sie sich längst gewöhnt.
Namen waren Schall. Was sie war, blieb dasselbe – ob die Menschen es noch wussten oder nicht.
Und vor ein paar Jahren kamen zwei Männer mit Notizbüchern.
Sie hießen Grimm. Sie meinten es gut. 
Das machte es nicht besser.
Frau Holle hatte zugehört, als sie in den Dörfern am Fuß des Meißners saßen und die alten Frauen befragten. Hatte zugehört, wie aus dem, was sie war – aus Jahrtausenden Natur, aus dem Wechselspiel von Leben und Tod und Jahreszeiten, aus der Kraft, die das Wasser in sich trug – ein Märchen wurde. Ein hübsches Märchen. Mit einem Goldmädchen und einem Pechmädchen und einer Moral am Ende.
Eine Göttin. Dann eine Sagengestalt. 
Jetzt eine Märchenfigur.
Jeden Schritt dieses Abstiegs hatte sie erlebt.
Und sie hatte aufgehört, die Jahre zu zählen.
Nicht, weil sie es vergessen hatte – sie vergaß nichts. Sondern weil Zählen eine Hoffnung voraussetzte, dass die Zahl irgendwann aufhören würde.

Der Teich lag still unter ihr wie immer. Schwarz, tief, reglos. Das Wasser, das sie einmal geliebt hatte – durch das sie die Welt gespürt hatte, von jedem Bach bis zum tiefsten Grundwasser, durch das sie die Jahreszeiten gewoben und die Übergänge zwischen Leben und Tod gehütet hatte – war jetzt ihr Käfig.
Der Fluch saß in jedem Tropfen davon.
Sie kannte ihn auswendig. Hatte ihn durchsucht nach Lücken, nach Fehlern, nach Stellen, wo die Magie dünner war als an anderen. Jahrzehnte hatte sie damit verbracht, ihn zu verstehen.
Er ließ ihr das Bewusstsein. Das war das Grausamste daran. Sie war nicht eingeschlafen, nicht erstarrt, nicht gnädig ins Nichts versunken. Vollständig wach blieb sie. Jeder Windstoß über dem Wasser war ihr bewusst, jeder Fisch in der Tiefe, jeder Schritt eines Menschen am Ufer.
Auch die Veränderungen der Welt spürte sie – langsam, unaufhaltsam.
Und sie konnte nichts tun.
Der Fluch war präzise wie ein Schloss. Er hielt sie am Teich gefesselt, mit einer Kraft, die aus der Tiefe des Moors kam – aus den dunklen Seelen, die dort seit Jahrhunderten gefangen lagen, die der Feenkrieger an sich gebunden hatte wie Ketten. Je mehr sie sich dagegenstemmte, desto fester zog er sich zusammen. 
Wie eine Hand, die zudrückt, wenn man sich bewegt.
Irgendwann hatte jede Gegenwehr aufgehört.
An manchen Tagen kamen noch Menschen.
Die Bergarbeiter aus dem Schwalbenthal kamen nicht um zu beten – nicht mehr, nicht wirklich. Sie kamen aus Gewohnheit, aus dem dumpfen Gefühl, dass dieser Ort besser war als andere Orte, wenn man etwas auf dem Herzen hatte. 
Sie knieten am Ufer und flüsterten ihre Sorgen ins Wasser. Liebt er mich. Wann hört der Schmerz auf. Lass meinen Mann heil aus dem Stollen kommen.
Der Mann, der nicht heil aus dem Stollen kommen würde, kniete manchmal selbst hier.
Sie kannte ihn genau. Sein Schicksal war ihr längst bekannt.
Verhindern konnte sie es trotzdem nicht.
Das war das Zweite, was der Fluch ihr gelassen hatte nach dem Bewusstsein: das Wissen. 
Das vollständige, gnadenlose Wissen um alles, was geschah und um ihre eigene Unfähigkeit, es zu ändern.
Manchmal half sie trotzdem. Nur das, was durch den Fluch noch sickerte, wenn sie alle Kraft, die ihr geblieben war, in einen einzigen Moment konzentrierte. Ein leichterer Schlaf. Ein Traum in die richtige Richtung. Eine Münze, die auf dem Grund des Teiches aufschlug und für einen Herzschlag das Wasser leuchten ließ.
Kleine Dinge.
Kleiner als das, was eine Göttin hätte tun sollen.

Manchmal dachte sie an den Feenkrieger.
Nicht mit Hass – Hass war zu klein für das, was zwischen ihnen gewesen war. Er hatte ihrem Reich gedient, bevor es dieses Wort gab, bevor Menschen Wörter hatten für das, was er war. Ihr bester Krieger. Der Einzige, der je schneller gedacht hatte, als sie sprach. 
Der Einzige, dem sie vertraut hatte, ohne nachzudenken.
Das war ihr Fehler gewesen. Nicht der einzige. 
Aber der größte.
Als der Verrat kam, hatte sie nicht einmal gewarnt sein können – weil sie nicht geglaubt hatte, dass ein Wesen, das so lange an ihrer Seite gestanden hatte, überhaupt Verrat kannte. Naivität war kein Wort, das auf eine Göttin passte. Und doch.
Jetzt war er dort draußen in der Menschenwelt. 
In einem Körper, der nicht seiner war. Mit Augen, die im Dunkeln leuchteten und die er vor den Menschen verbarg.
Er wartete darauf, dass sie starb. Geduldig. Er hatte Jahrhunderte gelernt geduldig zu sein.
Und sie wartete.

In jenem Jahr bat sie zum ersten Mal wirklich.
Nicht die Menschen – die Menschen konnten ihr nicht helfen. Selbst wenn sie es gewollt hätten. Selbst wenn sie noch an sie geglaubt hätten als Göttin und nicht als Märchenfigur mit Bett und Daunen.
Also wandte sie sich an die Natur selbst.
Das Wasser. Den Wind. Den Wald, der den Meißner bedeckte, länger als die Menschen Erinnerungen hatten. Die Kraft, die in den Steinen saß, in den Quellen, in den Wurzeln, die tiefer reichten als jeder Stollen. Die ungezähmte Urkraft, die keine Namen brauchte und keine Gebete – die einfach war wie das Atmen.
Schick mir jemanden, bat sie. Nicht mit Worten – mit dem, was von ihr übrig war. Jemanden, der tragen kann, was ich nicht tragen kann. Jemanden, dem die Zeit nichts bedeutet, weil er nicht von ihr abhängt. Jemanden, dessen Kraft, so rein und so unkontrolliert ist, dass der Fluch sie nicht kennt und deshalb nicht aufhalten kann.
Die Natur antwortete nicht mit Worten.
Die Natur antwortete nie mit Worten.
Aber das Wasser des Teiches wurde für einen Moment sehr still – stiller als Wind und Jahreszeiten es erklären konnten – und Frau Holle wusste, dass sie gehört worden war.
Sie wartete weiter.


Dann kam der Tag, an dem die Münze ins Wasser fiel.
Ein Geldstück, das sie nicht kannte – aus einem Metall, das anders war als alles, was Römer oder Germanen .oder die Menschen jener Zeit je berührt hatten.
An ihm haftete der Hauch von etwas Ungebautem, Ungedachtem, aus einer Zeit, die noch nicht existierte.
Es fiel mit dem leisen Plop von etwas, das wenig wiegt, aber viel bedeutet.
Und als die Ringe sich über das schwarze Wasser ausbreiteten, spürte Frau Holle die Kraft – dieselbe, die die Natur ihr versprochen hatte – jetzt direkt am Ufer.
Sie sah das Mädchen zum ersten Mal.
Kniend am Wasser. 
Rotes Haar, das im Sommerlicht brannte, wie etwas, das nicht ausging. Kleidung aus einer Zeit, die noch in weiter Ferne lag. Grüne Augen, die geschlossen waren, während die Lippen sich bewegten – nicht in einem Gebet, das sie gelernt hatte, sondern in Worten, die von innen kamen. Als würde sie instinktiv wissen, wohin ihre Worte gehörten.
Frau Holle sah durch den Fluch hindurch – durch den Schleier, der alles verzerrte – und sah, was dieses Mädchen trug.
Die Kraft war noch größer als sie gedacht hatte.
Ungezähmt. Unkontrolliert. Das Mädchen wusste nicht einmal, dass sie sie hatte. Trug sie mit sich herum, wie jemand der ein Feuer in der Tasche trägt und nicht merkt, dass der Stoff schon warm wird.
Ich habe dich nicht gerufen, dachte Frau Holle. Ich habe die Natur gebeten. Und die Natur hat dich geschickt. 
Ich verstehe jetzt warum.
Sie trat aus dem Nebel. Nur als Schemen – ein Umriss aus Licht und stiller Sommerluft, das weiße Haar, das sich ohne Wind bewegte. Nur lange genug, damit das Mädchen wusste: 
es war jemand da.
Dann trat sie zurück.
Sie würde warten, bis das Mädchen bereit war. 
Bis die Prüfungen begannen. 
Bis dieser unkontrollierte Brand in ihr lernte, was er war.
Aber in diesem Moment – diesem einen langen Sommermoment am schwarzen Wasser des Frau-Holle-Teiches – spürte Frau Holle zum ersten Mal seit Jahrhunderten, etwas, das sie schon vergessen geglaubt hatte.
Hoffnung.

Das Mädchen am Ufer hieß Victoria Ashcombe, war siebzehn Jahre alt, und hatte zwei Tage  zuvor noch in Berlin im Jahr 2025 die letzte Schulstunde vor den Herbstferien abgesessen und dabei gedacht, dass diese Ferien der langweiligste Urlaub ihres Lebens werden würden.
Sie hatte sich geirrt.
 

Naengestalt. 
Jetzt eine Märchenfigur.
Sie hatte jeden Schritt dieses Abstiegs erlebt.
Und sie hatte aufgehört die Jahre zu zählen.
Nicht weil sie es vergessen hatte – sie vergaß nichts. Sondern weil Zählen eine Hoffnung voraussetzte, dass die Zahl irgendwann aufhören würde.

Der Teich lag still unter ihr wie immer. Schwarz, tief, reglos. Das Wasser das sie einmal geliebt hatte – durch das sie die Welt gespürt hatte von jedem Bach bis zum tiefsten Grundwasser, durch das sie die Jahreszeiten gewoben und die Übergänge zwischen Leben und Tod gehütet hatte – war jetzt ihr Käfig.
Der Fluch saß in jedem Tropfen davon.
Sie kannte ihn auswendig. Hatte ihn durchsucht nach Lücken, nach Fehlern, nach Stellen wo die Magie dünner war als an anderen. Hatte Jahrzehnte damit verbracht ihn zu verstehen.
Er ließ ihr das Bewusstsein. Das war das Grausamste daran. Sie war nicht eingeschlafen, nicht erstarrt, nicht gnädig ins Nichts versunken. Sie war vollständig wach. Sie spürte jeden Windstoß der über das Wasser fuhr, jeden Fisch der in der Tiefe seine Kreise zog, jeden Schritt eines Menschen am Ufer. Sie spürte wie die Welt sich veränderte – langsam, unaufhaltsam. Und sie konnte nichts tun.
Der Fluch war präzise wie ein Schloss. Er hielt sie am Teich gefesselt mit einer Kraft die aus der Tiefe des Moors kam – aus den dunklen Seelen die dort seit Jahrhunderten gefangen lagen, die der Feenkrieger an sich gebunden hatte wie Ketten. Je mehr sie sich dagegenstemmte desto fester zog er sich zusammen. 
Wie eine Hand die zudrückt, wenn man sich bewegt.
Sie hatte aufgehört sich zu bewegen.

An manchen Tagen kamen noch Menschen.
Die Bergarbeiter aus dem Schwalbenthal kamen nicht um zu beten – nicht mehr, nicht wirklich. Sie kamen aus Gewohnheit, aus dem dumpfen Gefühl dass dieser Ort besser war als andere Orte wenn man etwas auf dem Herzen hatte. 
Sie knieten am Ufer und flüsterten ihre Sorgen ins Wasser. Liebt er mich. Wann hört der Schmerz auf. Lass meinen Mann heil aus dem Stollen kommen.
Der Mann der nicht heil aus dem Stollen kommen würde kniete manchmal selbst hier.
Sie kannte ihn. Wusste was ihm bevorstand. Konnte es nicht verhindern.
Das war das Zweite was der Fluch ihr gelassen hatte nach dem Bewusstsein: das Wissen. 
Das vollständige, gnadenlose Wissen um alles was geschah und um ihre eigene Unfähigkeit es zu ändern.
Manchmal half sie trotzdem. Nur das was durch den Fluch noch sickerte wenn sie alle Kraft die ihr geblieben war in einen einzigen Moment konzentrierte. Ein leichterer Schlaf. Ein Traum in die richtige Richtung. Eine Münze die auf dem Grund des Teiches aufschlug und für einen Herzschlag das Wasser leuchten ließ.
Kleine Dinge.
Kleiner als das was eine Göttin hätte tun sollen.

Sie dachte manchmal an den Feenkrieger.
Nicht mit Hass – Hass war zu klein für das was zwischen ihnen gewesen war. Er hatte ihrem Reich gedient bevor es dieses Wort gab, bevor Menschen Wörter hatten für das was er war. Ihr bester Krieger. Der Einzige der je schneller gedacht hatte als sie sprach. 
Der Einzige dem sie vertraut hatte ohne nachzudenken.
Das war ihr Fehler gewesen. Nicht der einzige. 
Aber der größte.
Als der Verrat kam hatte sie nicht einmal gewarnt sein können – weil sie nicht geglaubt hatte, dass ein Wesen das so lange an ihrer Seite gestanden hatte überhaupt Verrat kannte. Naivität war kein Wort das auf eine Göttin passte. Und doch.
Jetzt war er dort draußen in der Menschenwelt. 
In einem Körper der nicht seiner war. Mit Augen die im Dunkeln leuchteten und die er vor den Menschen verbarg
Er wartete darauf dass sie starb. Geduldig. Er hatte Jahrhunderte gelernt geduldig zu sein.
Und sie wartete.

Es war in diesem Sommer dass sie zum ersten Mal wirklich bat.
Nicht die Menschen – die Menschen konnten ihr nicht helfen. Selbst wenn sie es gewollt hätten. Selbst wenn sie noch an sie geglaubt hätten als Göttin und nicht als Märchenfigur mit Bett und Daunen.
Sie bat die Natur selbst.
Das Wasser. Den Wind. Den Wald, der den Meißner bedeckte, länger als die Menschen Erinnerungen hatten. Die Kraft die in den Steinen saß, in den Quellen, in den Wurzeln die tiefer reichten als jeder Stollen. Die ungezähmte Urkraft die keine Namen brauchte und keine Gebete – die einfach war wie das Atmen.
Schick mir jemanden, bat sie. Nicht mit Worten – mit dem was von ihr übrig war. Jemanden der tragen kann was ich nicht tragen kann. Jemanden dem die Zeit nichts bedeutet weil er nicht von ihr abhängt. Jemanden dessen Kraft so rein und so unkontrolliert ist dass der Fluch sie nicht kennt und deshalb nicht aufhalten kann.
Die Natur antwortete nicht mit Worten.
Die Natur antwortete nie mit Worten.
Aber das Wasser des Teiches wurde für einen Moment sehr still – stiller als Wind und Jahreszeit es erklären konnten – und Frau Holle wusste dass sie gehört worden war.
Sie wartete weiter.


Dann kam der Tag an dem die Münze ins Wasser fiel.
Ein Geldstück das sie nicht kannte – aus einem Metall das anders war als alles was Römer oder Germanen oder die Menschen des Jahres 1825 je berührt hatten. 
An ihm haftete der Hauch von etwas Ungebautem, Ungedachtem, aus einer Zeit die noch nicht existierte.
Es fiel mit dem leisen Plop von etwas das wenig wiegt aber viel bedeutet.
Und als die Ringe sich ausbreiteten über das schwarze Wasser spürte Frau Holle die Kraft – dieselbe die die Natur ihr versprochen hatte – jetzt direkt am Ufer.
Sie sah das Mädchen zum ersten Mal.
Kniend am Wasser. 
Rotes Haar das im Sommerlicht brannte wie etwas das nicht ausging. Kleidung aus einer Zeit die noch nicht geboren war. Grüne Augen die geschlossen waren während die Lippen sich bewegten – nicht in einem Gebet das sie gelernt hatte sondern in Worten die von innen kamen. Als würde sie instinktiv wissen wohin ihre Worte gehörten.
Frau Holle sah durch den Fluch hindurch – durch den Schleier der alles verzerrte – und sah was dieses Mädchen trug.
Die Kraft war noch größer als sie gedacht hatte.
Ungezähmt. Unkontrolliert. Das Mädchen wusste nicht einmal dass sie sie hatte. Trug sie mit sich herum wie jemand der ein Feuer in der Tasche trägt und nicht merkt dass der Stoff schon warm wird.
Ich habe dich nicht gerufen, dachte Frau Holle. Ich habe die Natur gebeten. Und die Natur hat dich geschickt. 
Ich verstehe jetzt warum.
Sie trat aus dem Nebel. Nur als Schemen – ein Umriss aus Licht und stiller Sommerluft, das weiße Haar das sich ohne Wind bewegte. Nur lange genug damit das Mädchen wusste: 
es war jemand da.
Dann trat sie zurück.
Sie würde warten bis das Mädchen bereit war. 
Bis die Prüfungen begannen. 
Bis dieser unkontrollierte Brand in ihr lernte was er war.
Aber in diesem Moment – diesem einen langen Sommermoment am schwarzen Wasser des Frau-Holle-Teiches – spürte Frau Holle zum ersten Mal seit Jahrhunderten etwas das sie schon vergessen geglaubt hatte.
Hoffnung.

Das Mädchen am Ufer hieß Victoria Ashcombe, war siebzehn Jahre alt, und hatte achtundvierzig Stunden zuvor noch in Berlin im Jahr 2025 die letzte Schulstunde vor den Herbstferien abgesessen und dabei gedacht, dass diese Ferien der langweiligste Urlaub ihres Lebens werden würden.
Sie hatte sich geirrt.

Kapitel 1
AB IN DIE FERIEN!

Victoria Ashcombe hatte diesen letzten Schultag vor den Herbstferien schon drei Mal geträumt.
Nicht die Einzelheiten – nicht Emma, nicht Charlotte, nicht den Pausenhof. Nur das Gefühl. Das Gefühl dass etwas begann ohne dass jemand sie gefragt hatte ob sie bereit war.
Während um sie herum alle über die coolsten Urlaubsziele prahlten zog sie ihren grauen Kapuzenpulli enger um die Schultern. Sophie stand neben ihr, ihre Wasserflasche in der Hand, und warf ihr einen aufmunternden Blick zu. Aber selbst mit ihrer besten Freundin an der Seite wollte Victoria am liebsten unsichtbar werden.
„Zehn Tage Türkei, All-Inclusive!" Charlotte ließ ihre blonden Haare über die Schulter fallen und scrollte durch Instagram-Stories voller Infinity-Pools. „Dad meint, ich soll mal richtig entspannen."
Emma nahm einen AirPod aus dem Ohr – langsam, als würde sie sich extra die Mühe machen. 
„New York, Baby! Shopping bis zum Umfallen, Broadway-Shows, das komplette Programm." Ihr Grinsen war so breit, als würde sie bereits auf dem Times Square strahlen.
Dann wanderte ihr eisblauer Blick zu Victoria und Sophie. „Und ihr? Bestimmt habt ihr auch was Tolles geplant, oder?"
Sophie zuckte mit den Schultern, blieb würdevoll. „Nirgendwo. Meine Eltern müssen arbeiten."
„Oh." Charlotte legte theatralisch eine Hand aufs Herz. „Das ist aber schade."
Jetzt starrten alle Victoria an.
Emma grinste süffisant. „Victoria? Mal wieder Bildungsurlaub mit Papa dem Museumsleiter? Wir sind in der Elften, nicht in der Grundschule."
Musste ausgerechnet Emma ihr jetzt diese Frage stellen? In diesem Moment war es nicht nur die Angst vor Gelächter.
Etwas anderes zog sich in ihr zusammen. Ein Druck hinter den Augen, als hätte jemand ein Wort gesagt das sie nicht hören konnte aber das trotzdem in ihr nachklang.
„Ach, nichts Besonderes", hörte sich Victoria sagen. „Wir bleiben in Berlin. Dad muss an einer Sonderausstellung arbeiten. Museum halt, ihr wisst schon." 
Sie zuckte lässig mit den Schultern. 
„Entspannung pur. Mal richtig abschalten."
Sophie warf ihr einen fragenden Seitenblick zu. Diese Lüge schmeckte bitter.
Aber besser als die Wahrheit.
Emma zog eine Augenbraue hoch. „Ach so. Klingt ... entspannend."
„Entspannend" klang aus ihrem Mund wie eine Beleidigung.
Charlotte kicherte. „Aber hey, manchmal ist das doch auch schön. Keine Hektik, kein Stress." Das klang so herablassend, dass Victoria am liebsten im Erdboden versunken wäre.
Das erlösende Läuten der Schulglocke zerriss die Spannung. „Noch eine Stunde", seufzte jemand. „Dann sind endlich Ferien!"
Eine Stunde später strömten alle Schüler jubelnd aus dem Schulgebäude. Sofort brach auf dem Pausenhof ein Chaos aus – Schüler rannten über den Asphalt, Taschen flogen durch die Luft, und überall hörte man das befreiende Wort „Ferien!"
Victoria hatte das Gefühl eine wichtige Prüfung vergeigt zu haben.
Sophie sammelte ihre Sachen und musterte Victoria mit diesem Blick, der sagte: Wir reden noch darüber.
„Warum hast du vorhin bei Emma und Charlotte gelogen?" Sophies Stimme war leise, aber bestimmt.
„Weil ich keine Lust auf Spott hatte. 'Victoria und der Märchenwald' – kannst du dir vorstellen, was die daraus gemacht hätten?"
„Victoria..." Sophie schüttelte den Kopf und setzte sich ihre Tasche über die Schulter. „Du weißt schon, dass das alles Quatsch ist, oder?"
Victoria marschierte los in Richtung Schultor. Sophie hielt mit ihr Schritt.
„Ich hab einfach keine Lust darauf, mich vor denen zu rechtfertigen."
Sophie blieb stehen. „Aber es ist doch gar nichts, wofür du dich rechtfertigen müsstest! Ein Baumhaushotel klingt mega cool. Ich würde sofort mit dir tauschen."
Victoria drehte sich um. Ihr Blick traf Sophies ehrliche, warme Augen hinter der Brille, und plötzlich kam ihr das alles ziemlich albern vor. „Entschuldige. Ich weiß, dass du gerne mitfahren würdest. Und ich weiß auch, dass ich mich aufführe wie ein verwöhntes Gör."
„Das hab ich nicht gesagt." Sophie lächelte. „Aber ein bisschen schon."
Trotz allem musste Victoria grinsen. „Du kennst mich zu gut."

Der Weg nach Hause
Sie gingen zum Fahrradständer, wo Victorias altes Mountainbike neben Sophies Cityrad stand. Die meisten Schüler waren schon weg.
„Soll ich ein Stück mit dir fahren?" Sophie checkte ihr Handy. „Hab noch Zeit."
„Gerne." Victoria entspannte sich zum ersten Mal heute. „Dann kann ich dir erklären, warum ich so eine Drama-Queen bin."
Sie radelten durch Pankows vertraute Straßen, vorbei an kleinen Cafés und Vintage-Läden. Während sie nebeneinander herfuhren hatte Victoria plötzlich das Gefühl nicht allein auf der Straße zu sein. Nicht beobachtet – eher begleitet.
Sie drehte sich um. 
Nichts. Nur Herbst, Asphalt, ein vorbeifahrender Bus.
„Alles okay?", fragte Sophie.
„Ja", log Victoria – diesmal nicht aus Angst, sondern weil sie keine Worte dafür hatte.
„Erzähl mir von dem Baumhaushotel", sagte Sophie. „Das klingt doch wie ein Traum."
Victoria seufzte. „Es ist nicht das Hotel. Das Hotel ist eigentlich das Einzige daran das ich verstehen kann." 
Sie bog in ihre Straße ein. 
„Das Ganze fing vor zehn Jahren an. Dad war zur Eröffnung der GrimmWelt in Kassel eingeladen – du weißt schon, das Museum für die Brüder Grimm. 
Und auf dem Rückweg ist er irgendwie in Nordhessen hängengeblieben. Hat Stunden lang Felder und Wälder und alte Burgen angeschaut und ist völlig begeistert nach Hause gekommen."
„Das klingt nach deinem Dad."
„Seitdem redet er davon. Geo-Naturpark Frau-Holle-Land. Wanderwege, Sagenorte, historische Stätten. Er wollte schon seit Jahren einen richtigen Erlebnisurlaub dort machen." Victoria rollte die Augen. „Das Baumhaushotel war der Köder für Phileas und mich. Damit wir Ja sagen."
„Hat es funktioniert?"
„Bei Phileas sofort. Bei mir..." Sie zog die Schultern hoch. „Bedingt."
Sophie lachte. „Bei uns ist es umgekehrt. Meine Eltern schauen nur Fernsehen. Manchmal wünschte ich mir Eltern, die sich für irgendwas interessieren."
Sophie hielt vor Victorias Haus an und schob ihre Brille hoch – das tat sie immer, wenn Worte wichtig wurden.
„Warte mal kurz." Sie kramte in ihrer Schultasche und zog eine zusammengefaltete Broschüre heraus. Bunt. Lila. Auf der Vorderseite eine Frau in weißem Gewand die die Arme in den Himmel streckte, umgeben von Schnee und kahlen Ästen. Darüber in großen Buchstaben: Frau Holle – weltberühmt und unbekannt. Geo-Naturpark Frau-Holle-Land.
„Hab ich gestern Abend ausgedruckt", sagte Sophie. „Für deine Recherche. Oder für Phileas. Der flippt aus."
Victoria nahm die Broschüre. Sah auf die Frau auf der Vorderseite. Etwas an dem Bild – die ausgebreiteten Arme, das Weiß des Gewandes, die Stille die davon ausging – ließ sie einen Moment länger hinschauen als nötig.
„Danke", sagte sie schließlich.
„Versprich mir, dass du schreibst", sagte Sophie leise. „Nicht nur lustige Bilder. Ich will wissen, wenn irgendwas Magisches passiert."
„Magisch?" Victoria grinste. „Im Märchenwald?"
„Hey, du findest immer die verrücktesten Abenteuer." Sophies Augen blitzten. „Du bist vielleicht nicht so cool wie Charlotte, aber du bist echt. Und du siehst Dinge, die die anderen nicht sehen – auch wenn du das niemandem zeigst." Sie machte eine kurze Pause. „Bei dir habe ich manchmal das Gefühl, du bist näher dran."
Victoria runzelte die Stirn. „Näher dran?"
„Keine Ahnung. Als würdest du die Dinge spüren, bevor sie passieren. Als wärst du immer einen Herzschlag früher da als alle anderen. Und mit dir passieren echte Sachen."
Ein Kloß bildete sich in Victorias Hals. Sie umarmte Sophie fest – unbeholfen, aber ehrlich. „Du bist meine Heldin", flüsterte Victoria. „Ohne dich wäre alles nur halb so viel wert."
„Dann bring mir was Magisches mit!" Sophie grinste, schwang sich aufs Rad. „Am besten drei magische Haselnüsse!"
Victoria lachte. 
„Ich fahre ins Frau-Holle-Land, nicht zu Aschenbrödel. Da gibt's höchstens goldene Äpfel oder so."
„Wer weiß – vielleicht wird es trotzdem das Abenteuer deines Lebens."
Etwas in Sophies Worten ließ Victoria frösteln. 
Als würde das Universum ihnen zuhören.
Sie winkte, bis Sophie um die Ecke verschwunden war. Dann stand sie allein vor dem Gartentor, die Broschüre in der Hand, und starrte auf die Frau in Weiß.
Frau-Holle-Land.
Warum nur hatte sie das Gefühl dass diese Reise alles verändern würde?

Zuhause in Pankow
Kaum hatte Victoria die gelbe Haustür ihres Reihenhauses geöffnet, explodierte ein Wirbelwind aus schwarz-weiß-braunem Fell förmlich gegen ihre Beine. Tinka, ihre fünfjährige Australian Shepherd-Hündin, war völlig aus dem Häuschen. Der buschige Schwanz schlug wie ein Propeller, die bernsteinfarbenen Augen leuchteten vor Aufregung und kleine Jaullaute des Entzückens entkamen ihrer Kehle.
„Tinka!" Victoria ging in die Knie und ließ sich von der stürmischen Begrüßung überwältigen. Tinkas warme Zunge leckte ihr übers Gesicht, und die kalte Nase stupste sie überall an, als müsste sie sicherstellen, dass Victoria wirklich da war. „Ja, ja, ich hab dich auch vermisst, du Wirbelwind."
Tinka war ein Energiebündel mit der Schönheit eines Postkartenhundes. Ihr Fell war ein Kunstwerk der Natur – tiefschwarz über dem Rücken und den Ohren, strahlendes Weiß an Brust und Pfoten, dazu warme Brauntöne, die sich wie Sonnenstrahlen über ihre Schnauze und die Augenbrauen legten. Wenn sie einen anblickte, hatte man das Gefühl, sie könnte Gedanken lesen.
„Sie spürt die Reiselust", lachte Elizabeth, Victorias Mutter, die aus der Küche kam. „Oder sie hat Angst, zurückgelassen zu werden. Den ganzen Tag schon läuft sie unruhig herum."
Elizabeth war eine von den Müttern, die immer aussahen, als hätten sie alles unter Kontrolle. Mit 44 Jahren wirkte sie trotz ihres Lehrerinnen-Jobs entspannt und jugendlich. Ihre braunen Haare trug sie in einem praktischen Bob, und ihre grünen Augen – die Victoria geerbt hatte – strahlten eine Ruhe aus, die ansteckend war. Meistens jedenfalls.
„Niemals!" Victoria kraulte Tinka hinter den Ohren, genau an der Stelle, die ihre Hündin zum Schmelzen brachte. „Du kommst natürlich mit, du verrückte Fellnase. Als ob wir ohne dich fahren würden."
Tinka hatte sich an diesem Tag zweimal zur Haustür gesetzt und auf etwas gewartet das nicht kam. Elizabeth hatte es Victoria beim Reinkommen erzählt als wäre es eine Kleinigkeit.
Vielleicht war es das.
Ihr Handy piepte. Sophie hatte schon geschrieben: „Bin gut angekommen. Hast du schon reingeschaut? Seite sechs!"
Victoria grinste und blätterte die Broschüre auf. Seite sechs. Eine Liste. Frau Holle hat viele Namen. 
Hulda, Perchta, Baba Jaga und noch viele andere.
Sie starrte auf die Namen.
Das war keine lokale Sagengestalt. Das war etwas Größeres.
Sie tippte zurück: „Das ist so cool!“
„Ich will alle Details über euer Märchenabenteuer. Und Fotos!"
Aus dem Wohnzimmer drang Stimmengewirr und das Geräusch von Phileas, der aufgeregt auf seiner Tastatur hämmerte. Victoria fand ein Bild des organisierten Chaos vor.
Landkarten lagen verstreut auf dem Esstisch, Reiseführer mit Post-it-Zettelchen türmten sich daneben und mittendrin thronte Phileas' Laptop. Ihr dreizehnjähriger Bruder saß davor wie ein verrückter Wissenschaftler, die dunklen Haare standen ihm zu allen Seiten ab.
„Victoria!" Er sprang auf. „Du musst dir das ansehen! Ich hab alles über den Meißner recherchiert!"
„Toll", murmelte Victoria und ließ sich in einen Sessel fallen. Sie legte die Broschüre auf den Tisch. Phileas sah sie sofort.
„Das hab ich auch!" Er zog seine eigene Kopie aus einem Stapel. „Aber ich hab noch viel mehr gefunden. Weißt du was Frau Holle alles beherrscht?"
„Nicht wirklich."
„Luft. Feuer. Wasser. Erde." Er tippte auf die Broschüre. „Steht da. Herrscherin über die Elemente. Das ist keine Märchenfigur – das ist eine Göttin."
Victoria sah auf ihre Hände.
Wind.
Das Wort blieb hängen ohne dass sie wusste warum.
„Nicht nur Märchen!" Michael, ihr Vater, blickte von einem verstaubten Buch auf. Seine Augen leuchteten mit dieser Intensität die Victoria nur zu gut kannte. „Der Meißner ist voller Geheimnisse. Uralte Kultstätten, mystische Teiche... Schon vor Jahrtausenden verehrten Menschen dort unbekannte Götter."
„Dad, bitte." Victoria stöhnte. „Nicht schon wieder deine Vorträge."
Aber Michael war in Fahrt. „Stell dir vor – verschiedene Völker hielten den Berg für heilig, opferten an den Quellen. Dort wurden römische Münzen gefunden, germanische Artefakte, Spuren von Ritualen."
Victorias Handy piepte. Sophie: „Und? Schon im Forschermodus, dein Dad?"
Victoria tippte unauffällig: „Volle Fahrt. Römische Münzen und Opferrituale."
„Sind da nicht auch Bergleute verschwunden?", fragte Phileas plötzlich.
Michaels Gesicht wurde ernst. „Im 19. Jahrhundert gab es... merkwürdige Vorfälle. Bergleute, die sich verliefen und erst Tage später auftauchten. Manche behaupteten, sie hätten nur eine Stunde verpasst, aber ihre Familien hatten sie tagelang gesucht."
„Das waren bestimmt nur Unfälle, oder?", fragte Victoria.
„Wahrscheinlich“ nickte Michael. „Aber die Geschichten sind faszinierend. Und natürlich die Sagen um Frau Holle."
„Was weißt du über sie?" Victoria merkte selbst, wie interessiert sie klang.
„In den alten Geschichten war Frau Holle viel mehr als nur eine Märchenfigur", sagte Michael. „Sie war eine Art Hüterin, vielleicht sogar eine Göttin. Die Menschen glaubten, sie wache über Übergänge – zwischen Jahreszeiten, zwischen Leben und Tod."
„Und über den Teich", warf Phileas ein. „Der soll bodenlos sein. In der Broschüre steht, er ist seit zweitausend Jahren eine Kultstätte. Münzfunde belegen das. Und manche sagen, der Teich sei ein Tor in eine —"
„Hör auf!"
Die Stimme war Victorias eigene – und sie klang schärfer, als sie wollte.
Alle sahen sie an.
„Was?", fragte Michael irritiert.
Victoria schluckte. Ihr Herz klopfte plötzlich viel zu schnell. Sie öffnete den Mund – und schloss ihn wieder.
Sie wusste selbst nicht, warum ihr Herz so schnell schlug.
Elizabeth klatschte in die Hände. „Genug Geschichten. Das Abendessen ist fertig, und danach wird gepackt."

Später in ihrem Zimmer
Victoria stand vor ihrer gepackten Reisetasche. Kletterschuhe, Wanderschuhe, drei Pullover – und ganz unten, fast versteckt unter allem, ihre alte Stirnlampe vom letzten Klettertrip.
Sie holte die Broschüre hervor und schlug sie beim Bett auf. Seite für Seite. Die Chronologie – Jungsteinzeit, Christianisierung, Brüder Grimm. Die vielen Namen. Die Kitzkammer wo Frau Holle stumm neben Wanderern herlief und dann im Felsen verschwand. Der Frau-Holle-Stuhl auf dem man Heilung fand. Der Teich auf der Ostseite des Berges – Eingang in Frau Holles unterirdisches Reich. Und das Meißner Gläschen – ein Hirte der ein Glas fand das sich immer von selbst mit Wein füllte, solange er schwieg. Als er prahlte war es weg.
Sie blieb bei dem letzten Satz hängen.
Solange er schwieg.
Dann las sie den Satz über den Teich noch einmal.
Werden und Vergehen sind hier vereint.
Später, im Bett, hörte Victoria dem gleichmäßigen Atmen des Hauses zu. Heizungen knackten, irgendwo lief Wasser, alles war vertraut.
Die Broschüre lag aufgeschlagen auf ihrer Bettdecke. Die Frau in Weiß auf der ersten Seite schaute nach oben – in den Schnee, in den Himmel, in etwas das man nicht sehen konnte.
Und trotzdem hatte sie das Gefühl, dass etwas bereits entschieden worden war – ohne sie zu fragen.
Zum ersten Mal seit Langem hoffte sie, dass die Ferien schnell beginnen würden.
Und hatte gleichzeitig Angst davor.
 

Kapitel 2
ZWISCHEN TRAUM UND SAGENWELT

Drei Stunden Autobahn lagen hinter ihnen. Victoria starrte gelangweilt aus dem Fenster auf die eintönige Landschaft, die vorbeirauschte. Felder, Wälder, Felder, Wälder. Im Radio dudelte leise ein Popsong, während Michael konzentriert lenkte und Elizabeth ab und zu etwas über die Landschaft murmelte.
Neben ihr klapperte Phileas unermüdlich auf seinem Laptop herum. „Hör dir das an, Victoria", sagte er aufgeregt. „Hier steht, dass Frau Holle nicht nur Schnee macht. Sie kann angeblich zwischen den Welten wandeln und Menschen in andere Zeiten versetzen."
„Mmh", brummte Victoria ohne hinzusehen.
„Und hier – am Frau-Holle-Teich sollen Leute verschwunden sein. Einfach so. Sind am Ufer entlanggewandert und nie wieder aufgetaucht."
„Toll", murmelte Victoria und lehnte den Kopf gegen das Fenster. Das monotone Summen des Motors und Phileas' gedämpftes Gemurmel über Sagen und Legenden wiegten sie langsam ein.
Sie schloss die Augen – und verlor für einen Augenblick das Gefühl für ihren Körper.
Dann stand sie an einem dunklen Teich.
Er sah genauso aus wie das Foto auf der Broschüre – fast schwarz, als hätte jemand die Oberfläche verschluckt. Kein Spiegeln, kein Glanz. Nur Tiefe.
Die Luft roch nach feuchter Erde und etwas anderem das sie nicht benennen konnte. Alt. Schwer.
Am gegenüberliegenden Ufer stand eine Frau in weißen Gewändern. Sie bewegte sich nicht. Ihr Haar hing ruhig herab, obwohl Victoria keinen Wind spürte. Die Frau sah zu Victoria herüber – ohne Erwartung, ohne Ungeduld. Einfach da, wie der Stein am Ufer und das Wasser davor.
Victoria drehte sich um. Das Ufer. Der Wald. Wieder die Frau.
Sie wollte einen Schritt näher treten – aber bevor ihr Fuß den Boden berührte, war der Ort bereits weg.
„Victoria? Victoria, wach auf. Wir sind da."
Elizabeths sanfte Stimme riss sie aus dem Traum. Victoria blinzelte verwirrt und richtete sich auf. Ihr Herz klopfte noch von dem seltsamen Traum.
„Wo... was?" stammelte sie.
„Wir sind angekommen", lächelte Elizabeth. „Schau mal."
Victoria blickte aus dem Fenster und stockte. Vor ihnen erhoben sich die Baumhäuser zwischen den Bäumen wie eine coole Film-Location – als würde gleich ein Survival-Abenteuer beginnen. Die Holzkonstruktionen auf ihren Stelzen, verbunden durch schmale Brücken, sahen aus wie ein Level aus einem Open-World-Game.
„Wie lange habe ich geschlafen?" fragte sie benommen.
„Etwa eine Stunde", sagte Michael und stellte den Motor ab. „Du warst richtig tief weg."
Victoria stieg aus und spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. Der Traum fühlte sich noch immer real an – zu real.
„Das ist ja wirklich ein Baumhaus", flüsterte sie ehrfürchtig. Über ihr rauschte das Blätterdach im Wind, und Sonnenstrahlen kämpften sich durch das dichte Grün.
Tinka sprang aus dem Kofferraum, betrachtete die schwankende Hängebrücke und zog den Schwanz ein. Winselnd drückte sie sich an Victoria. Michael trat neben sie, hob Tinka mit einem kräftigen Schwung hoch und trug sie hinüber. Die Hündin sprang auf der anderen Seite sofort auf die Terrasse, als hätte sie nie gezögert.
Im Inneren roch es nach frischem Holz und feuchtem Moos von draußen. Die Wände bestanden aus hellem Buchenholz, und große Panoramafenster ließen ein warmes, goldenes Licht herein. In der Mitte stand ein massiver Holztisch, dazu ein großes Doppelbett und ein einfaches Etagenbett. Eine steile Leiter führte zu einem Schlafboden, auf dem ein rundes Fenster den Blick direkt in die Baumwipfel freigab.
„Wow", hauchte Victoria, ihre Finger glitten über die glatte Holzfläche des Tisches. „Das fühlt sich an wie ein Märchen."
„Eher wie ein Computerspiel", warf Phileas grinsend ein und hielt seinen Laptop hoch. „Nur mit schlechterem WLAN."
Victoria machte ein Foto, das sie gleich an Sophie verschickte: „Mein neues Zuhause im Wald."
Elizabeth stellte die Provianttasche ab. „Hier gibt's eine Waschschüssel und eine große Wasserkanne – richtiges Abenteuerfeeling."
„Und das Bad?", fragte Victoria skeptisch.
Elizabeth öffnete eine Tür. „Hier drinnen. Kompakt, aber vollständig ausgestattet."
„Das ist ja wie ein normales Hotelzimmer", staunte Victoria als sie das kompakte, aber moderne Bad entdeckte. „Nur cooler."
Michael blickte aus dem Fenster, begeistert wie ein Kind. „Seht ihr das? Da drüben steht Schloss Berlepsch. Das besuchen wir heute noch."
Victoria trat dicht neben ihn ans Fenster. Das Schloss erhob sich wie aus einer anderen Zeit: graue Mauern, rote Dächer, halb von dichten Bäumen verdeckt. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich beobachtet, als würden die Türme lebendig.
Tinka legte sich neben Victoria auf der Terrasse, die Ohren gespitzt. Ihr Blick ging in den Wald, als wäre dort etwas das nur sie hören konnte.
Victoria folgte ihrem Blick ins Dunkelgrün und spürte, wie ein kühler Luftzug ihr über den Nacken strich.
„Na, was sagst du jetzt, Victoria?", fragte Michael.
Victoria zwang sich zu einem Lächeln. „Es ist… anders. Aber auch schön, auf eine neue Art."

Schloss Berlepsch
Eine Stunde später standen sie vor dem beeindruckenden Schloss Berlepsch. Die grauen Mauern erhoben sich majestätisch, von roten Dachziegeln gekrönt, die in der tiefstehenden Sonne golden schimmerten. Als sie durch das schwere Eisentor traten, veränderte sich die Luft sofort – kühler, dichter, als hätte die Zeit hier einen anderen Gang. Michael sprach leise von Rittern und Burgfräulein, von Hoffesten und Kämpfen vergangener Jahrhunderte, aber seine Worte klangen weit weg.
Victorias Blick wanderte über die grauen Mauern, die roten Dächer, die schmalen Fenster. Das Schloss schaute zurück. So zumindest fühlte es sich an.
Im Rüstungssaal blieb sie vor einem Wandteppich stehen, hinter dem sich eine schmale, fast unsichtbare Tür verbarg. Keine Beschilderung, kein Hinweis – einfach da, als hätte sie jemand vergessen. Behutsam legte sie die Hand auf das alte Holz. Ein kalter Hauch strich über ihre Finger – als würde jemand von der anderen Seite zurückdrücken.
„Victoria? Alles okay?", riss Elizabeths Stimme sie zurück.
„Ja", sagte sie. Aber ihre Hand zog sich langsam zurück.
Oben auf dem Turm entfaltete sich das ganze Tal vor ihr. Felder, Wälder, der geschwungene Lauf der Werra – und dort, schwer und schweigend am Horizont, der Hohe Meißner. Für einen Herzschlag hatte sie das Gefühl, der Berg warte schon länger auf sie als sie auf ihn. Als hätte er sie kommen sehen – nicht heute, sondern schon immer.
Sie legte die Hände auf das Mauerwerk und ließ den Blick nicht los.
Michael trat neben sie. Er sagte nichts. Schaute auch nur. Der Mann der vor zehn Jahren auf dem Rückweg von Kassel am Straßenrand gehalten hatte um eine Weile einfach nur in diese Landschaft zu schauen. Victoria hatte das damals nicht verstanden. Jetzt, mit dem Meißner vor ihr, verstand sie es ein bisschen besser.
„Wie weit ist der Meißner von hier?", fragte sie schließlich.
„Mit dem Auto etwas über eine halbe Stunde entfernt? Morgen sind wir oben."
Morgen. Das Wort fühlte sich seltsam an. Nicht wie eine Ankündigung – eher wie eine Erinnerung.
Als der Schlossführer unten im Innenhof von einem Ritter erzählte, der an Vollmondnächten durch die Gemächer wandelt, auf der Suche nach einem verlorenen Schatz, hörte Victoria kaum zu. Sie dachte an den Traum. An die Frau am schwarzen Teich. An die Gestalt die einfach da gewesen war – ohne Erklärung, ohne Ankündigung.
Auf dem Rückweg zu den Baumhäusern konnte sie den Blick vom Horizont nicht lassen. Der Meißner war längst hinter den Bäumen verschwunden. Aber Victoria hatte das Gefühl er würde sie trotzdem noch sehen.

Abendessen im Baumhaus
Als es draußen schon dunkel war, erfüllte der Duft von Tomatensauce, Oregano und Basilikum das Baumhaus. Michael und Elizabeth hatten in der überraschend funktionalen Miniküche Spaghetti Napoli gezaubert. Durch die großen Panoramafenster fiel das warme Schimmern der Lichter aus den benachbarten Baumhäusern herein, die wie kleine Laternen in den Wipfeln hingen.
Victoria saß mit ihrer Schüssel am massiven Holztisch und drehte die Nudeln auf der Gabel, während sie mit der anderen Hand Tinka kraulte. Die Hündin hatte sich unter dem Tisch zusammengerollt, aber ihre Ohren zuckten bei jedem Geräusch aus dem Wald.
„Also, was steht morgen auf dem Programm?" fragte Michael und häufte sich eine monumentale Portion Spaghetti in die Schüssel.
Phileas war sofort Feuer und Flamme. „Ganz klar: zum Hohen Meißner! Das ist nicht bloß ein Berg – das ist wie die Geheimzentrale aller deutschen Märchen! Ich hab mich total schlau gemacht!"
„Oh nein", stöhnte Victoria gespielt. „Achtung, Phileas im Forschermodus."
„Das ist mega interessant!" Phileas grinste. „Okay, das Wichtigste zuerst – Frau Holle." Er schob seinen Laptop zur Mitte des Tisches. „Die wohnt nicht irgendwo, sondern in einem Teich ganz oben auf dem Berg. Wer hineinfällt, kommt nie wieder hoch. Und wenn sie dort ihre Betten ausschüttelt, schneit es bei uns."
„Und sie belohnt die Fleißigen mit Gold", warf Elizabeth ein, „aber die Faulen kriegen Pech ab."
„Genau. Und dann gibt's noch die Kitzkammer." Phileas senkte die Stimme. „In der Broschüre steht, Wanderern soll dort eine hohe weiße Frau erschienen sein. Mit einem mächtigen Schlüsselbund. Sie lief stumm neben ihnen her und verschwand dann lautlos zwischen den Basaltsäulen."
Victoria hörte auf zu essen.
Stumm. Neben ihnen hergelaufen. Dann weg.
Genau wie im Traum.
„Und weißt du was das Merkwürdigste ist?" Phileas beugte sich vor. „Frau Holle hat zänkische Mädchen in Katzen verwandelt und sie dort eingesperrt. Die Katzen mussten dann den guten Wanderern den richtigen Weg zeigen – den bösen aber den falschen."
„Und das Meißner Gläschen", fügte er dann beiläufig ein und scrollte auf dem Laptop weiter. „Ein Hirte fand einmal ein Glas das sich von selbst mit Wein füllte – immer wieder, so viel er wollte. Aber nur solange er darüber schwieg. Als er damit prahlte war es weg."
„Für immer?", fragte Victoria.
„Für immer." Phileas sah sie an. „Die Moral ist eindeutig."
Victoria dachte an den Satz, den sie gestern Nacht gelesen hatte. Solange er schwieg.
„Und das Weiberhemdmoor", fuhr Phileas fort, die Stimme jetzt düster. „Ein Moor auf dem Meißner, wo die Seelen böser Menschen nach ihrem Tod gefangen bleiben. In den Raunächten brechen sie als Wildes Heer hervor – Geister toter Krieger die nachts über den Meißner jagen. Hufgetrappel in der Luft, Waffenklirren, wilde Rufe. Wer nicht schnell genug aus dem Weg geht, wird mitgerissen. Für immer."
Draußen knackte etwas im Wald. Alle hörten auf zu essen.
„Nur der Wind", sagte Michael. Aber seine Stimme klang nicht ganz überzeugt.
Tinka stand auf und ging zur Tür, die Nase am Spalt.
Der Wind draußen wurde stärker. Das Baumhaus knarrte.
„Warum sind sie dort gefangen?", fragte Victoria leise.
Phileas sah sie an. „Weil das Moor die nicht loslässt, die Böses getan haben."
Stille.
„Genug", sagte Elizabeth und lachte. „Sonst träume ich heute Nacht von lauter Gespenstern!"
Victoria musste trotz allem grinsen. „Okay, Phileas. Du hast gewonnen. Morgen schauen wir uns deinen Gruselberg an."
„Wirklich?" Phileas strahlte.
„Klar. Aber wenn mir das Wilde Heer begegnet, ist es deine Schuld."
In den anderen Baumhäusern gingen langsam die Lichter aus. Die Familie räumte gemeinsam ab, während draußen der Wind durch die Wipfel rauschte.
Später, im Bett, schrieb Victoria an Sophie:
„Sagen-Marathon überlebt. Morgen Gruselberg mit Geistern, magischen Teichen und Frauen die stumm neben einem herlaufen. Beweisfoto versprochen."
Sophie: „OMG ja! Und falls du verschwindest, weiß ich wenigstens wo!"
Victoria schloss das Handy.Das Baumhaus knarrte leise im Wind. Irgendwo draußen knackte es.
Der dunkle Teich. Reglos. Schwarz. Wartend.
Tinka hob den Kopf.

Kapitel 3
DAS RAUNEN DES WALDES

Der Morgen im Baumhaus begann stiller als sonst. Der Wald lag unter einem zarten Schleier von Nebel, und die dünnen Strahlen der Sonne kämpften sich durch die dichten Buchenwipfel. Victoria presste die Stirn an die kühle Scheibe. Der Nebel umhüllte die Baumwipfel wie flüsternde Geister, und mit jedem Herzschlag schien das Abenteuer näher zu rücken.
Unten in der kleinen Küchenzeile klapperte Geschirr. Elizabeth summte ein Lied, während sie Aufbackbrötchen und Croissants in den Ofen schob, und Michael schnitt Käse und stellte Marmelade auf den Tisch. Tinka bellte fröhlich, als wolle sie die Familie wecken, und kratzte an der Tür zur Terrasse, wo sie die ersten Sonnenstrahlen erschnupperte.
Victoria rieb sich die Augen und trat barfuß zum Tisch, wo schon dampfender Kakao in Tassen wartete. Der Duft von Schokolade mischte sich mit dem frischen Aroma der Croissants, und für einen Moment fühlte sie sich wie in einem Pariser Café – nur dass draußen die Baumwipfel einer grünen Kathedrale standen.
Phileas saß schon am Tisch, das Handy in der Hand, und starrte gebannt auf seine Wander-App. „Seht mal", verkündete er stolz, ohne aufzusehen, „die App zeigt nicht nur Wege, sondern auch Sagenorte. Wir verpassen heute wirklich nichts!" Er schob das Handy in die Mitte des Tisches, wo eine Karte mit bunten Symbolen blinkte.
Michael grinste. „Dann vertraue ich heute mal deinem Orientierungssinn, Professor Phileas. Aber wehe, du schickst uns ins Märchenland und lässt uns nicht wieder raus!"
Phileas tat, als würde er den Scherz überhören, und tippte weiter. Elizabeth packte währenddessen belegte Brote in Frühstücksbeutel, steckte Äpfel und Müsliriegel dazu und verstaute alles in den Rucksäcken.
„Und Tinka?" fragte Victoria.
„Natürlich bekommt sie auch ihr Lunchpaket", meinte Elizabeth und holte Leckerlis aus der Schublade. Tinka schnappte sich begeistert gleich ein Leckerli und rollte sich dann unter den Tisch, als wolle sie sagen: Alles im Griff.
Das Frühstück verlief in fröhlicher Stimmung. Kurz, aber herzlich. Victoria spürte, wie die Großstadtschwere von ihr abfiel. Berlin mit all seinem Lärm, den Menschenmassen, dem ständigen Druck schien hier weit weg. Stattdessen lag eine fast kindliche Abenteuerlust in der Luft.

Aufbruch
Nach dem Frühstück packte die Familie ihre Rucksäcke, überprüfte Wasserflaschen, Proviant und Regenjacken. Michael schlüpfte in seine Wanderschuhe und kontrollierte ein zweites Mal die Karten – obwohl Phileas längst verkündet hatte, dass er die Navigation übernehmen würde.
„Man weiß nie", meinte Michael, „vielleicht fällt dein Akku aus."
Phileas rollte die Augen. „Typisch Papa."
Sie verstauten alles im Auto, und kurze Zeit später rollte der Wagen durch die sanften Hügel des Werratals. Die Landschaft zeigte sich im Herbstkleid: leuchtend rote Ahornbäume, goldene Felder, dazwischen Fachwerkdörfer, die wirkten, als wären sie aus einem Märchenbuch entsprungen.
Im Radio lief ein Popsong, den Victoria kannte, und für einen Moment summte sie leise mit. Doch dann schweiften ihre Gedanken ab. Irgendwo da draußen wartete der Berg.
Kurz bevor die Straße zum Meißner steil anstieg, fuhren sie durch Vockerode, ein kleines Dorf am Fuß des Berges. Elizabeth bestand auf einem Halt: „Ich habe riesige Lust auf frisches Gebäck. Die Brote reichen eh niemals bis zum Abend."
Die Dorfbäckerei lag mitten im Ort, ein Fachwerkhaus mit grünen Fensterläden. Drinnen roch es nach frischem Brot und Zimt. Victoria und Elizabeth entschieden sich für Schmandschnecken, Michael und Phileas für Brezeln. Die Verkäuferin, eine ältere Frau mit Schürze, musterte ihre Wanderschuhe. „Geht's rauf zum Meißner?"
„Ja, zum Frau-Holle-Teich", sagte Elizabeth.
„Ach, die Holle", meinte sie. „Wenn man ihr mit Respekt begegnet, passt sie gut auf einen auf. Sie hat schon über viele Generationen hier gewacht."
Victoria mochte den Gedanken, dass jemand über sie wachte – auch wenn es nur eine Sagengestalt sein sollte. Ein leiser Schauer lief ihr trotzdem über den Rücken.
Wenig später rollte das Auto wieder aus dem Dorf. Phileas knabberte an seiner Brezel, Victoria hielt die Schmandschnecke in der Hand.
Das Radio verstummte kurz – nur eine Sekunde, kaum wahrnehmbar. Victoria sah auf, aber niemand hatte etwas gemerkt. Michael lenkte. Phileas tippte. Elizabeth sah aus dem Fenster.
Sie starrte wieder hinaus.
Auf einem Acker fuhr ein Landwirt langsam mit seinem Traktor über ein Stoppelfeld und zog lange dunkle Furchen in die Erde.
Sie schaute kurz nach vorn – und dann wieder hinaus.
Der Traktor war verschwunden.
An derselben Stelle stand ein Bauer hinter einem Holzpflug, ein braunes Pferd zog ihn langsam über die Erde. Die Kleidung war grob, dunkel, aus einer anderen Zeit. Der Mann bewegte sich schwerfällig, als würde jeder Schritt kosten.
Victoria hielt den Atem an. Sie vergaß die Schmandschnecke. Das Auto verschwand aus ihrem Bewusstsein. Nur das Feld, der Mann, das Pferd.
Dann – ein Herzschlag, nicht länger – war da wieder nur der Traktor. Der Motorenlärm. Die Straße. Phileas, der neben ihr an seiner Brezel kaute.
Ihr wurde kalt, obwohl die Heizung lief. Sie schluckte. Sagte nichts.
„Alles okay?", fragte Elizabeth nach vorn, ohne sich umzudrehen.
„Mhm", machte Victoria. Aber ihre Finger zitterten leicht, als sie die Schmandschnecke wieder hob.
Während die Felder von Vockerode langsam hinter ihnen verschwanden, tippte Victoria eine Nachricht an Sophie: „Winzige Dorf-Bäckerei in Vockerode – beste Schmandschnecke ever. Phileas tut so, als wäre er auf Forschungsreise."
„Vocker-was? Klingt wie ein Märchenort", kam fast sofort zurück. „Macht dein Bruder wieder den Abenteuer-Professor?"
„Klar. Märchenroute hier, Sagenort da. Er denkt, er ist Indiana Jones mit WLAN", schrieb Victoria.
Nach einer kurzen Pause: „Und? Voll öde oder doch ein bisschen cool?"
Victoria sah aus dem Fenster auf die Hügel und das Herbstlicht. „Anders", tippte sie. „Ruhiger. Aber irgendwie schön. Wie ein Märchenfilm ohne Special Effects."
„Also doch nicht nur Provinz. Und falls du Frau Holle triffst: Selfie!", antwortete Sophie.
„Deal – wenn sie mir vorher kein Kissen um die Ohren haut", schrieb Victoria, steckte das Handy weg und kaute den letzten Rest der Schmandschnecke.

Fahrt zum Schwalbenthal
Die Straße wurde steiler und kurviger, je weiter sie den Berg hinauf und in den Wald hineinfuhren. Nebelschwaden lagen zwischen den Bäumen, und manchmal wirkte es, als würden die Äste selbst die Straße berühren wollen.
„Hier sieht es schon magisch aus", murmelte Michael. „Kein Wunder, dass die Menschen seit Jahrhunderten Geschichten erzählen."
Nach einigen Kilometern erreichten sie das Schwalbenthal. Links ging es weiter rauf bis zum Meißner-Plateau und rechts zum Frau-Holle-Teich. Doch dort war die Straße gesperrt – ein rot-weißes Schild mit dem Hinweis „Rutschgefahr – Straße auf unbestimmte Zeit gesperrt" versperrte den Weg.
„Na toll", meinte Victoria. „Und jetzt?"
Phileas zeigte auf seine App. „Wir können hier parken und zu Fuß weitergehen. Der Weg zum Frau-Holle-Teich ist ausgeschildert."
Michael nickte. „Passt perfekt. Außerdem haben wir hier eine großartige Aussicht."
Sie stiegen aus, und sofort umfing sie der Duft von feuchtem Laub und Erde. Vor ihnen breitete sich das Werratal aus, auf das sie aus über 600 Meter Höhe hinabblickten. Golden im Licht des Vormittags, die Hügel wie ein sanftes Meer.
„Ein ganzer Hang ist instabil", sagte Phileas ohne aufzusehen von seinem Handy. „Das Haus Schwalbenthal dort drüben steht seit Jahren in Gefahr. Die Behörden wissen es – aber es kostet zu viel um es zu sichern." Er machte ein Foto. „Voll der Lost Place."
Michael schmunzelte. „Na dann – auf geht's, Agent Phileas."

Wanderung zum Frau-Holle-Teich
Mit den Rucksäcken auf den Schultern machten sie sich auf den Weg. Der Pfad führte durch einen stillen Buchenwald, in dem das Herbstlaub in allen Schattierungen von Rot bis Bronze schimmerte.
Immer wieder lasen sie kleine Tafeln am Wegesrand: „Willkommen im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land – Märchenroute." Phileas las sie laut vor, als wäre er der offizielle Guide.
Victoria lauschte halb, halb versank sie in ihren Gedanken. Mit jedem Schritt wurde die Stille dichter. Als wäre der Wald aufmerksamer als sonst.
Das Laub knisterte unter ihren Schuhen, Tinka schnupperte begeistert an jedem Ast und jeder Spur. Die Luft war klar, frisch und voller Herbstduft – bis plötzlich ein stechender Geruch alles überlagerte.
Victoria verzog das Gesicht. „Was ist das denn? Riecht nach faulen Eiern."
Phileas hielt sich die Nase zu. „Das ist deutlich."
Elizabeth lachte leise, während sie sich ein Tuch vor den Mund hielt. „Das ist Schwefel. Ich hab schon davon gelesen. Hier am Meißner gibt es vulkanische Spuren."
Michael nickte und zeigte auf die Felsen, die sich am Wegrand erhoben: dunkel, mit gelblichen Ablagerungen. „Das ist die Stinkesteinwand. Ein geologisches Phänomen. Aus den Ritzen und Poren tritt Schwefelwasserstoff aus – deshalb der Geruch."
„Stinkesteinwand passt perfekt", murmelte Victoria und starrte die bizarren Felsformationen an. Im Nebel, der sich dort sammelte, wirkte der Ort unheimlich – fast so, als könnte gleich etwas Dunkles herauskriechen.
Phileas war schon wieder in Forscherlaune. 
„Im 18. Jahrhundert haben die Leute hier geglaubt, das sei der Atem des Teufels. Es gibt alte Sagen, dass man hier nachts Gestalten gesehen hat – Schatten, die aus dem Felsen treten."
Victoria bekam Gänsehaut. „Na super. Erst Geister und jetzt auch noch der Teufel persönlich."
Phileas grinste. „Keine Sorge, Schwesterchen. Wissenschaftlich ist es nur Gas, das durch glühende Braunkohlenreste im Berg entsteht. Aber zugegeben – ziemlich spooky."
Michael beugte sich vor und klopfte auf den Stein. „Tief im Meißner gibt es immer noch Stellen, an denen die Kohle langsam weiterglimmt. Das ist wie ein Feuer, das nie ganz erlischt."
Elizabeth schüttelte den Kopf, halb belustigt, halb nachdenklich. „Kein Wunder, dass sich daraus Sagen entwickelt haben. Schwefel, Rauch, ein Felsen mitten im Wald – das schreit doch nach Teufelsgeschichten."
Victoria trat vorsichtig näher an die Wand. Der Schwefelgeruch war ekelhaft, aber faszinierend zugleich. Sie legte die Hand an den rauen Stein, der sich überraschend warm anfühlte. Für einen Moment bildete sie sich ein, ein dumpfes Pochen zu hören – als würde im Inneren der Erde etwas leben.
„Ich sag's euch", meinte sie leise, „wenn hier nachts Nebel aufzieht, sieht man bestimmt mehr als nur Steine."
Tinka knurrte plötzlich, die Ohren gespitzt, den Blick starr auf eine dunkle Felsspalte gerichtet.
Victoria zog die Hand erschrocken vom Stein zurück.
Tinka rührte sich nicht. Wartete. Die Augen unverwandt auf die Spalte gerichtet.
Erst als Victoria einen Schritt zurückwich rührte die Hündin sich – schnaubte kurz und trottete weiter, als wäre nichts gewesen.
Victoria sah noch einmal auf die Felsspalte.
Dunkel. Still. Nichts.
„Komm, Professor", rief Elizabeth lachend. „Weiter zum Teich. Sonst verpassen wir noch Frau Holle!"
Die Familie setzte den Weg fort. Victoria drehte sich noch einmal zur Stinkesteinwand um. Der Schwefelgeruch hing ihr in der Nase. Und in ihrem Inneren blieb dieses eigenartige Gefühl – als hätte der Fels ihr für einen Moment etwas sagen wollen.

Der Frau-Holle-Teich
Nach einer halben Stunde erreichten sie die Lichtung.
Der Frau-Holle-Teich lag in ihrer Mitte: still, dunkel, wie ein Spiegel. Moosbedeckte Felsen und knorrige Bäume umrahmten das Wasser. Es wirkte nicht wie ein gewöhnlicher See – eher wie ein Fenster in eine andere Welt.
„Der Frau-Holle-Teich war schon in der Antike eine Kultstätte", erklärte Phileas. „Man fand hier Münzen aus römischer Zeit."
Michael fügte hinzu: „Das zeigt, wie alt die Verehrung ist. Hier verschmelzen Natur, Mythos und Geschichte."
Am Ufer stand die Statue von Frau Holle: 3,15 Meter hoch, aus Ulmenholz geschnitzt. Sie zeigte eine junge Frau, die ein Kissen im Arm hielt, bereit, die Schneewolken auszuschütteln. Ihr Blick war streng und gütig zugleich.
Victoria blieb wie angewurzelt stehen.
Das Wasser glänzte wie ein schwarzer Spiegel. Der Blick der riesenhaften Frau Holle war streng – fast lebendig. Ein leiser Schauder lief ihr über den Rücken, als hätte die Statue ihr für einen Moment etwas gesagt das kein Mensch hören konnte. Victoria wollte sich nicht zu sehr nähern. Manches Märchen endete schlecht für Neugierige.
Phileas knipste begeistert Fotos. „Hier steht, dass der Teich mal zwei Meter, mal neun Meter tief ist. Und manche glauben, wer hineinfällt, kommt nie wieder hoch."
Michael nickte. „Ein Bergmann hat angeblich keinen Grund gefunden. Für viele ist es ein Tor zur Unterwelt."
Elizabeth setzte sich ans Ufer und packte Rosinenbrötchen aus. Tinka rollte sich neben ihr ins Laub. Während die anderen aßen, zog Victoria ihr Handy heraus. Ein Balken WLAN. Schnell schrieb sie:
„Sitze gerade am Frau-Holle-Teich. Mega mystisch. Hab das Gefühl, jemand beobachtet mich."
Sophie: „Oh Gott, creepy! Mach ein Foto und schick mir den Nebel-Geist!"
Victoria grinste, knipste ein Selfie mit dem See im Hintergrund und schickte es.
Sophie: „Wow. Sieht aus wie aus einem Fantasy-Film. Pass auf, dass dich Frau Holle nicht in den See zieht."
Victoria: „Zu spät. Wenn ich morgen im Märchen lande, schreib ich dir von da."
Sie steckte das Handy weg – und schaute noch einmal kurz auf das Foto bevor der Bildschirm dunkel wurde.
Der Teich dahinter. Die Statue am Ufer.
Und dort, am anderen Ufer, genau dort wo die Frau im Traum gestanden hatte – ein heller Fleck. Nebel vielleicht. Oder Licht das falsch gebrochen war.
Sie sperrte das Handy.
Victoria kniete am Wasser. Ihr Spiegelbild schimmerte – und für einen Moment war es fremd. Ihre Augen wirkten grün wie Moos, ihre roten Strähnen leuchteten wie Flammen. Als hätte das Wasser sie in jemand anderen verwandelt.
Dann war da eine Stimme. Woher, das konnte sie nicht sagen.
„...Victoria..."
Das war alles. Kein Anfang, kein Ende. Nur ihr Name, den das Wasser ihr zurückwarf, bevor die Stille sie wieder schluckte.
Victoria stand auf.
Zu schnell. Ihr wurde schwindelig. Sie griff nach einem Ast und wartete bis die Welt wieder stillstand.
Der Teich lag ruhig vor ihr. Schwarzes Wasser. Kein Laut.
Nur ihr Name der noch immer in ihr nachklang als hätte jemand eine Saite angeschlagen, die sie nicht wusste dass sie in ihr war.
Sie legte die Hand an die kühle, feuchte Erde und spürte unter ihren Fingerspitzen eine feine Vibration, als würde der Berg atmen. Ein leichter Windhauch streichelte ihr Gesicht, trug den Duft von feuchtem Laub und altem Gestein.
Sie blickte in die Tiefen des Teiches, die bodenlose Schwärze, und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl nicht in eine Sackgasse zu blicken, sondern in eine Einladung.
Als Victoria den Teich verließ, glaubte sie, ihr Schatten wäre noch nicht ganz mit ihr gegangen.
Es war schon früher Nachmittag, als sie sich auf den Rückweg zum Auto machten. Der Wald wirkte nun noch stiller. Victoria schwieg, jeder Schritt hallte wie ein Echo in ihrem Kopf.
Sie kamen wieder an der Stinkesteinwand vorbei und rümpften erneut die Nasen. An den Geruch konnte man sich beim besten Willen nicht gewöhnen.
Nach einer guten halben Stunde erreichten sie wieder den Parkplatz und stiegen ins Auto.
Michael scherzte: „Haus, Hang und Auto stehen alle noch – da haben wir noch einmal Glück gehabt." Er startete den Motor. „Wir fahren hoch aufs Plateau, zur Kitzkammer."
„Wo Frau Holle laut Sagen zickige Mädchen in Katzen verwandelt", ergänzte Phileas grinsend.
„Katzen", sagte Victoria. „Interessant." Aber sie dachte nicht an Katzen.
Im Auto drehte sie sich noch einmal um. Durch die Heckscheibe sah sie noch einmal in die Richtung, wo der Teich lag. Den Wald. Die Bäume die sich im Wind bewegten.
Und für einen Herzschlag – nur einen – glaubte sie eine weiße Gestalt am Waldrand zu sehen.
Dann war es weg.
Sie drehte sich wieder nach vorne.
Phileas tippte. Elizabeth sah aus dem Fenster. Michael fuhr.
Niemand hatte etwas gesehen.

Kapitel 4
DAS GEHEIMNIS DER KITZKAMMER

Die Straße zum Hohen Meißner schlängelte sich steil durchs bunte Herbstlaub. Im Auto rauschte ein würziger Wind durch einen offenen Spalt, der Wald duftete nach feuchter Erde und Moos. Victoria spürte, wie das Licht der Vormittagssonne durch die Wipfel brodelte und sich in Streifen auf ihrem Arm verlor.
Am Gipfel angekommen sahen sie zu ihrer Rechten riesige, fast leere Parkplätze, die sich über die Wiesen zogen. Victoria runzelte die Stirn. „Wofür braucht man denn so viele Parkplätze, wenn hier nur so wenige Leute wandern? 
Das ist ja wie ein Autobahnrastplatz."
Michael lächelte im Rückspiegel. 
„Im Herbst ist es hier etwas ruhiger, das stimmt. Aber der Meißner ist ein beliebtes Wintersportgebiet. Im Winter ist hier alles voll. Von diesen Parkplätzen aus geht es direkt auf die Loipen und Ski- und Rodelpisten."
Im nächsten Moment bog Michael scharf nach links ab, eine schmale, geteerte Straße hinunter. Ein kleines Schild wies den Weg: Naturfreundehaus Meißner.
Als das Auto zum Stehen kam entfaltete sich vor ihnen ein beeindruckendes Panorama. Sanft abfallende Wiesenflächen erstreckten sich bis zum Waldrand, die leuchtend grünen Hänge im Licht der Herbstsonne nahezu menschenleer.
„Wir können vor der Heimfahrt mal schauen, ob wir im Naturfreundehaus auch etwas Leckeres zum Abendessen finden", sagte Elizabeth. „Jetzt lasst uns aber erstmal die Kammer erkunden!"
Phileas strahlte. 
„Kein Wunder, dass es hier so viele Sagen gibt", rief er begeistert. Er kramte in seinem Rucksack und zog ein knallgelbes Frisbee hervor. „Wir sind hier auf dem Dach der Welt!" Eilig holte er Tinka aus dem Kofferraum und warf das Frisbee in Richtung der weiten Wiesen. Phileas jagte das Frisbee über die Wiese, Tinka dahinter wie ein ausgebrochener Zirkushund. Elizabeth lachte, Michael stopfte Thermoskanne und Wanderkarten in den Rucksack. Für einen Moment fühlte sich alles leicht an – als gäbe es nur die Familie und den Wind.
Hinter der Wiese begann der Wald. Die Bäume standen so dicht, dass das Licht kaum noch den Boden erreichte, die Zweige verdreht und knorrig wie die Finger alter Hexen. Der Weg wurde steiler, und das Laub knisterte unter ihren Schuhen. Immer wieder blieben sie stehen, betrachteten wurzelüberwachsene Findlinge, Moosinseln und eine Vielzahl von Pilzen die den Waldboden verschönerten.
Nach einer Weile erschien ein Wegweiser zur Kitzkammer. Sie mussten den Hauptweg verlassen und rechts auf einen kleinen Pfad weitergehen. Kurz darauf erreichten sie einen kleinen Bach, dessen Wasser unter moosigen Steinen plätscherte. Daneben stand eine verwitterte Holzbank, von Blättern bedeckt, umgeben von Farnen, mit Blick auf das glitzernde Wasser das die Sonne gerade mit warmen Strahlen traf.
Victoria ließ sich auf die Bank fallen und streckte die Beine aus. Ihr Vater packte den Proviant aus – belegte Brote, Brötchen von der Landbäckerei, ein paar Kekse. Elizabeth schenkte warmen Tee aus der Thermoskanne. Phileas zog sofort die Schuhe aus und watete fröhlich im Wasser. Tinka schnupperte am Ufer, zog einen Ast aus dem Bach und balancierte stolz damit herum.
„Hey, nach der Kitzkammer geht es noch zum Frau-Holle-Stuhl", sagte Phileas und tippte seine Zehen ins eiskalte Wasser. „Der soll heilende Kräfte haben – besonders für müde Beine und schwere Gedanken."
„Klingt nach einem Plan", sagte Michael. „Zuerst Katzen und Schätze, dann Heilung."
Victoria lehnte sich zurück und griff nach ihrem Handy.
„Sitzen am Bach unterhalb der Kitzkammer, alles glitzert vor Farben und flirrendem Licht. Phileas balanciert auf Wurzeln am Uferrand und versucht eine Libelle zu fotografieren. Es ist fast zu schön um echt zu sein."
Sophie: „Mach ein Video! Und halt die Ohren offen – falls Frau Holle nach euch ruft."
Victoria: „Kein Witz – die Luft fühlt sich anders an. Als wäre was unterwegs."
Sophie: „Du wirst zur Märchenheldin! Aber sprich lieber keine magischen Wörter. Wer weiß was dann passiert!"
„So rastet eine Abenteurerfamilie", sagte Elizabeth und lächelte. Victoria fühlte sich zum ersten Mal seit Tagen wohlig aufgehoben. Ein leiser Windhauch kroch durchs Laub.

Nach einer guten halben Stunde Rast brachen sie auf. Phileas setzte sich in Bewegung. „Komm Victoria, wir gehen schon mal vor!" Er klang aufgedreht wie ein Tourguide mit Speziallizenz.
Victoria folgte ihm den schmalen Pfad entlang, der zwischen dichtem Farn und dunklen Eiben immer steiler wurde. Die Beiden ließen die Bank und den Bach hinter sich, während Michael und Elizabeth die Picknickreste verstauten und Tinka noch einmal das Fell säuberten. Der Herbstwald dampfte leise vor sich hin, Nebelschleier krochen durch die moosgrünen Lichtungen.
Nach wenigen Schritten – noch im Sichtkontakt zu den Eltern – hielt Phileas an. Die Kitzkammer lag etwa hundert Meter den Hang hinauf, die Basaltsäulen waren schon zwischen den Bäumen zu erahnen.
Er drehte sich zu Victoria. Seine Augen funkelten.
„Warte, bevor wir da hochgehen, gibt's die offizielle Märchen-Vorbereitung", verkündete er und schwenkte sein Handy wie einen Redestab. „Das gehört dazu."
„Also." Er räusperte sich. „Erstens: Frau Holle hat zänkische, eitle Mädchen in Katzen verwandelt und in den Felsen eingesperrt. Die Katzen dienen ihr – und die Kammer ist manchmal voller leiser Stimmen und Schatten. Wer nett ist bekommt Hilfe von ihnen, wer bösartig ist, verirrt sich angeblich."
Victoria musste lächeln. Sie konnte sich Phileas bildlich vorstellen, wie er die Katzen als wanderfreundliche Wegweiser in sein Märchenuniversum einbaute.
„Zweitens", fuhr Phileas fort, „erscheint manchmal eine riesige weiße Frau mit einem Goldschlüssel. Das ist Frau Holle selbst. Und dann: Ein Hirte fand hier eine Höhle voller Schätze, durfte aber nur nehmen, was er tragen konnte. Als ein Kitz raushuschte und er es zurückließ, verschloss sich die Kammer für immer." Er sah Victoria an. „Die Moral? Sei bescheiden. Sonst bleibt dir die Tür für immer geschlossen."
Die Sagen waren ein seltsamer Mix aus Warnung und Einladung. Die Basaltsäulen wirkten wie Zähne eines Riesen, die Höhle wie das offene Maul eines uralten Märchenwesens. Ihr Herz klopfte schnell.
„Mutprobe", grinste Phileas. „Wer zuerst den Felsen berührt, kriegt den Märchenschlüssel. Ich wette du traust dich nicht."
Victoria lachte, aber eine leise Gänsehaut kroch ihren Hals hinauf.
Gemeinsam stiegen sie das letzte Stück zur Felsspalte hinauf. Das Herbstlaub raschelte unter ihren Schuhen, und die Sonne schien für einen Moment genau auf die dunkle Öffnung.
Vor der Kammer war alles still.

Die Kitzkammer erhob sich majestätisch zwischen Buchen und Eichen. Die Basaltsäulen wirkten wie von Riesenhand kunstvoll aufgeschichtet – fünf- und sechseckige Blöcke, die sich horizontal übereinanderlegten, als hätte jemand Mosaiksteine aus dem Bauch des Berges herausgebrochen. Die Farben changierten zwischen Grau, Anthrazit und einem geheimnisvollen erdigen Schwarz, das im Schatten fast bläulich schimmerte.
Vor dem Höhleneingang versperrte ein hölzerner Zaun, alt und wettergebeugt, den Weg. Moos überzog die waagerechten Bretter, in den Ritzen hingen Spinnweben wie kleine Schleier. 
Ein Schild mit rot gemalten Buchstaben warnte: 
„VORSICHT! EINSTURZGEFAHR". 
Direkt dahinter fiel der Blick in die schmale, dunkle Spalte – die Öffnung der Kitzkammer wurde zum gähnenden Mund des Berges. Bereits nach wenigen Metern verschluckten die Schatten das Licht, als würde der Tag selbst vor dem Inneren zurückweichen.
Victoria stand vor dem Zaun. Angst und Neugier. Beides gleichzeitig.
Phileas stellte sich breitbeinig vor den Eingang. „Wer wagt sich zuerst rein? Ich wette du traust dich nicht. Victoria, ich schlage vor: Du berührst den Felsen – und wenn du dich traust, gehst du hinein. Aber wehe, du drehst vorher um! Und mach schnell, wenn Mama erst hier ist, darf keiner von uns über den Zaun klettern."
Victoria starrte in die schwarze Öffnung. Ihr Drang näher zu gehen war stärker als jede Angst. Die Stimmen um sie wurden leiser. Alles konzentrierte sich auf den Eingang.
„Na los, Märchenheldin – trau dich!", winkte Phileas. „Vielleicht bekommst du wirklich einen Schlüssel."
Victoria zögerte am Zaun, holte tief Luft und warf Phileas einen letzten herausfordernden Blick zu. Dann stieg sie vorsichtig über die moosbedeckten Bretter, das Warnschild fest im Blick.
Mit pochendem Herzen und dem Licht ihres Handys trat sie in die schmale Höhlenspalte. Der Felsboden war glatt und kühl unter den Wanderschuhen, ein feuchter mineralischer Geruch hing in der Luft. Victoria wagte nur wenige Schritte hinein – gerade so weit dass die Geräusche des Waldes und das Licht von draußen gedämpft wurden. Der Zugang wurde schnell enger, die Schatten tiefer. Sie drehte sich kurz um – Phileas' Silhouette war kaum noch am Eingang zu erkennen. Zwischen ihnen lag bereits ein Schleier wie aus Dämmerung.
„Alles gut?" rief Phileas von draußen.
Seine Stimme brach ab.
Nicht weil er aufgehört hatte zu sprechen. Sondern weil die Welt um sie herum aufgehört hatte zu hören.
Dann flackerte es.
Erst war es kaum mehr als ein Leuchten im Augenwinkel – dann tauchte die Kammer in ein geheimnisvolles grünes Licht das wie von innen heraus strahlte. Das Moos schimmerte wie Smaragde, die Basaltsäulen warfen lange bewegte Schatten. Winzige Lichtpunkte krochen über die Felsen, als seien Glühwürmchen aus einer anderen Zeit erwacht.
Victoria streckte die Hand aus.
Auf ihrer Handfläche – ein winziger grüner Funke, kaum wahrnehmbar, der sofort wieder erlosch.
Sie zog die Hand zurück.
Stille.
Nicht die Stille des Waldes. Eine andere. Als hätte jemand den Lautstärkeregler der Welt auf null gedreht.
Dann erloschen die Lichtpunkte.

Victoria drehte sich um und blickte hinaus.
Phileas war weg.
Sie stieg aus der Höhle – und die vertrauten Stimmen waren verstummt. Der Zaun, das Warnschild, ihre Familie – verschwunden. Der Wald hatte sich gewandelt. Die Farben anders. Die Geräusche fremd. Die Bäume mächtiger. Wilder. Über ihr kein fahles Herbstlicht mehr – sondern gleißende Sonne. Die Luft war warm, viel wärmer als noch eben. Es roch nach Sommer, nach Harz und Gras.
„Papa?" Ihre Stimme hallte. Keine Antwort.
„Phileas?" Nichts.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie drehte sich im Kreis. Eben war es noch Herbst gewesen – kühl, feucht, mit Nebel über dem Boden. Jetzt brannte die Sonne auf ihrer Haut.
„Tinka?" Ihre Stimme zitterte. Kein Hecheln. Kein wedelnder Schwanz. Nur der Wind der durch grüne Blätter rauschte.
„Das kann nicht sein", flüsterte sie. „Das war eben doch noch... unmöglich."
Sie griff nach ihrem Handy. Das Display leuchtete. Kurze Erleichterung. Dann der Schock: kein Netz, keine Balken. WhatsApp – tot. Karten-App – leer. Safari – Keine Verbindung. Nur die Kamera funktionierte, die Musik auch.
Panik stieg in ihr hoch. Doch stärker noch war dieses Gefühl: etwas war verschoben.
Sie rannte.
Nicht in eine bestimmte Richtung – zurück. Zurück den Pfad hinunter den sie mit Phileas heraufgekommen war. Die schmalen Stufen aus Wurzeln und Erde, der Farn der ihr ins Gesicht schlug, die Äste die sie nicht sah bevor sie hindurchbrach.
„Papa!"
Der Wald schluckte den Ruf.
„Mama! Phileas!"
Nichts. Nur ihre eigenen Schritte und das Hämmern ihres Herzens.
Sie erreichte die Stelle wo die Bank gewesen war.
War.
Keine Bank. Kein Bach. Das Wasser war da – sie hörte es – aber der Stein auf dem die Bank gestanden hatte war anders bewachsen, das Moos dicker, das Laub höher. Als wäre hier seit Jahren niemand mehr gewesen.
Sie blieb stehen. Drehte sich um.
Der Pfad war da. Aber er war nicht mehr derselbe Pfad. Schmaler. Ungepflegt. Ohne die kleinen Schilder der Märchenroute die Phileas laut vorgelesen hatte. Ohne das gelbe Wanderwegzeichen das sie sich gemerkt hatte.
Sie rannte weiter.
Den Hang hinunter, durch den Wald, die Beine schwer und der Atem keuchend. Zweige rissen an ihren Armen. Sie stolperte über eine Wurzel und fing sich gerade noch mit beiden Händen am Boden ab. Die Handflächen brannten. Sie stand auf. Rannte weiter.
Dann der Waldrand.
Sie brach ins Licht.
Die Wiese.
Dieselbe Wiese – dieselbe Form, derselbe Hang, dieselbe Aussicht auf das Tal. Das war der Ort. Das musste der Ort sein.
Aber kein Naturfreundehaus.
Victoria blieb stehen und starrte auf die Stelle wo das Gebäude sein musste. Wo es gewesen war. Vor einer Stunde.
Nur Wiese. Hohes Gras das im Wind schwankte. Keine Mauern, kein Dach, kein Parkplatz, kein Auto.
„PAPA!"
Ihre Stimme überschlug sich. Sie schrie jetzt – nicht mehr rief. Schrie so laut sie konnte über die leere Wiese, in den blauen Sommerhimmel der hier nichts zu suchen hatte, gegen den Wind der ihre Stimme nahm und sie weitertrug ohne dass jemand antwortete.
„MAMA! PHILEAS! TINKA!"
Stille.
Nur das Gras.
Sie rannte über die Wiese zu der Stelle wo der Parkplatz gewesen war. Der Asphalt. Die Autos. Das kleine Schild mit Naturfreundehaus Meißner.
Ihre Füße trafen auf Erde.
Keine befestigte Fläche. Kein Asphalt. Nur Erde und Gras und die Abdrücke von etwas das hier gestanden hatte – irgendwann, irgendwo in einer anderen Zeit die nicht diese war.
Victoria kniete nieder. Presste die Hände in das Gras. Es war real. Feucht und warm und real.
Sie war nicht am falschen Ort.
Sie war in der falschen Zeit.
Der Gedanke kam langsam, dann auf einmal ganz – wie Wasser das durch einen Riss bricht. Nicht die Panik davor. Die Panik danach. Die Erkenntnis dass Panik ihr hier nicht half und dass sie trotzdem nicht aufhören konnte zu zittern.
Sie saß in der Mitte der Wiese, die Hände im Gras, und wartete darauf dass irgendetwas erschien. Ihr Auto. Ihre Eltern. Phileas der lachend den Hang herunterkam und rief: Hab dich erwischt, das war ein Witz, alles gut.
Niemand kam.
Das Gras schwankte im Wind.
Die Sonne brannte.
Victoria wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen. Einmal. Zweimal.
Genug.
Vielleicht bin ich gar nicht mehr in meiner Zeit.
Victoria setzte sich ins Gras.
Nicht weil sie wollte. Weil ihre Beine aufgehört hatten zu funktionieren.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken – trotz der Sommerwärme.
Sie drückte das Handy so fest dass ihre Finger weiß wurden. Das hier war nicht mehr der Meißner den sie kannte.
Sie ließ den Blick über die Umgebung gleiten. Es gab Gras das fast zu hoch für diese Jahreszeit schien, Bäume deren Blätter noch nie in solch hellem Licht gedunkelt hatten, und eine Weite die nicht in eine Karte passte. 
Keine Hinweisschilder. Kein Wegweiser. Nichts.
Der Parkplatz? Nirgends zu sehen. Kein Schild, kein Auto, kein Naturfreundehaus.
Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen.
Dann wischte sie sich mit dem Handrücken über die Wangen.
Genug.
Wenn hier wirklich ein Zeitsprung passiert war dann gab es immer noch einen Weg. Sie war nicht am Ende der Welt – sie war nur in einer anderen Zeit. Sie richtete sich auf, atmete tief durch und setzte einen Fuß vor den anderen. Schritt eins: zurück zur Straße. Wo eine Straße war gab es Menschen. Und wo es Menschen gab gab es vielleicht Antworten.
Vor ihr öffnete sich ein breiter Feldweg der sich durch das offene Land wand. Kein Asphalt, nirgendwo ein Hinweis auf die Gegenwart – staubige Spuren, sonnenwarm und voller kleiner Steinchen.
Am Boden die Spuren von etwas das nicht ihr Auto war.
Tiefe, parallele Rillen. Breiter als eine Fahrradspur.
Das waren keine Reifenspuren.
Das waren Spuren von Pferdewagen.

Die Geschichte endet hier nicht

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